100.Folge Stachel&Herz

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Sexualethik, Scham und Veränderung – mit Tobias Faix

100 Folgen Stachel & Herz! Zur Jubiläumsfolge haben sich Sarah Vecera und Thea Hummel einen besonderen Gast eingeladen: Tobias Faix – Theologe, Autor, Professor und Mitgründer von UND Marburg, einem kirchlichen Start-up. In dieser Folge wird gefeiert, gescherzt, Sekt getrunken – und über hochkomplexe Themen wie Macht, Sexualethik, Scham und Transformation gesprochen. Ein Gespräch, das unterhält und gleichzeitig herausfordert.

„Sex sells“ – auch in der Theologie?
Der Titel der Folge klingt provokant: Sex sells. Doch was zunächst nach einem Marketinggag klingt, ist in Wahrheit ein kluger Zugang zur Frage: Wie sprechen wir über Sexualität in der Kirche – ohne zu beschämen oder zu schweigen? Tobias Faix hat gemeinsam mit Thorsten Dietz das Buch Wege zur Liebe. Eine Sexualethik zum Selberdenken veröffentlicht. Die Grundidee: Menschen dazu befähigen, ethische Fragen nicht nur nach Regeln oder Traditionen zu beantworten, sondern aus einer beziehungsorientierten, reflektierten Perspektive heraus.

Zwischen Scham und Schuld – was hindert Veränderung in der Kirche?
Ein zentrales Thema der Folge ist die Rolle von Scham und Schuld – gerade in kirchlichen Kontexten. Tobias Faix differenziert: In Leitungsstrukturen ist es oft Schuld, die Veränderung verhindert – durch das Nichthandeln, durch institutionelles Versagen. In der Basis hingegen sei es eher Scham, die Menschen daran hindert, offen über ihre Erfahrungen, Zweifel oder Verletzungen zu sprechen. „Wir sind eine schuldorientierte Kultur, die mit Scham noch nicht umgehen kann“, sagt Faix – und verweist auf die Notwendigkeit, eine Sprache und Räume zu finden, in denen Scham enttabuisiert wird.

Reform von unten oder von oben?
Die Frage, ob Veränderungen in der Kirche eher von der Basis oder von oben kommen sollten, beantwortet Faix mit einer klugen Dialektik: Beides sei nötig. Er betont, wie wichtig kirchliche Experimentierräume wie UND Marburg sind – aber auch, dass diese neuen Impulse ohne strukturelle Anbindung oft versanden. Leitungsebenen müssten lernen, mit Macht verantwortungsvoll umzugehen – oder, wie Faix es sagt: „Jetzt ist erstmal die Zeit der Machtkritik.“

Versöhnung braucht Gerechtigkeit
Ein besonders eindrücklicher Teil des Gesprächs dreht sich um das Verhältnis von Versöhnung und Gerechtigkeit – sei es in Südafrika nach dem Ende der Apartheid oder in der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Kirche. Faix warnt davor, Versöhnung zu romantisieren, wenn strukturelle Ungerechtigkeit bestehen bleibt: „Gnade ohne Gerechtigkeit rächt sich später.“ Ein klarer Appell an kirchliche Institutionen, die Aufarbeitung nicht nur formal, sondern auch mitfühlend und gerecht zu gestalten.

Sexualethik – zwischen Lebensrealität und theologischer Orientierung
Das Buch Wege zur Liebe steht im Zentrum des Gesprächs. Tobias Faix beschreibt, wie es gemeinsam mit Stimmen aus unterschiedlichen Lebensrealitäten entstand – queer, asexuell, biografisch, intersektional. Der Ansatz: nicht moralisieren, sondern zum Selberdenken anregen. Das bedeutet auch: über schwierige Themen wie Schwangerschaftsabbruch, Sexarbeit oder Purity Culture nicht nur zu sprechen, sondern zuzuhören, zu lernen und auszuhalten, dass es keine einfachen Antworten gibt.

Intersektionalität leben – nicht nur behaupten
Faix spricht offen über die Herausforderung, intersektional zu arbeiten – nicht nur als Theorie, sondern im Alltag von Gemeinde und Kirche. Er erzählt von Konflikten und Lernmomenten, von Reibung und Reifung. Sein Fazit: „Es braucht sichere Räume für ehrliches Reden – auch wenn es kompliziert wird.“

Fazit: 100 Folgen Stachel & Herz – und noch lange nicht fertig
Diese Jubiläumsfolge ist exemplarisch für das, was Stachel & Herz ausmacht: humorvoll und tiefgründig, persönlich und politisch, unbequem und liebevoll. Tobias Faix bringt als Gast genau das mit, was diesen Podcast besonders macht: Klarheit, Zweifel, Haltung – und die Bereitschaft, Kirche nicht nur zu kritisieren, sondern mitzugestalten.

Wer eine Kirche will, die wirklich liebt, muss auch ehrlich über Sexualität, Scham, Macht und Gerechtigkeit reden – und genau das geschieht hier.